Torrent Neuf

Meisterleistung historischer Ingenieurskunst

Die Suone von Torrent Neuf durchquert abwechselnd Felsschichten von Kalk und Schiefer. Das Kalkgestein machte aufgrund der Ablagerungen den Bau der hölzernen Leitung notwendig. Im Unterschied zu Schiefer löst sich der Kalk im Wasser. Im Schiefergestein konnte man direkt einen Graben anlegen.

Für die Abschnitte, für die eine Holzrinne benötigt wurde, muss man sich eine aufwendige Holzkonstruktion mit Stangen vorstellen, die noch dazu stabil in abschüssigem Felsgelände verankert gewesen sein muss. Anders als beim Bau moderner Seilbahnen gab es keinen Hubschrauber und keinen Kran oder sonstiges schweres Gerät, das bei der Montage im hochalpinen Gelände helfen konnte.

Nicht zu vergessen ist, dass auch die Menschen der damaligen Zeit üblicherweise keine Bergsteiger waren. Die systematische Eroberung der Berge begann erst mit dem 18. Jahrhundert.

Das heißt, die Baumeister dieser Suonen müssen ungewöhnliche Menschen für ihre Zeit gewesen sein. Einerseits begaben sie sich in alpines Gelände ohne die heutigen Erfahrungen und ohne moderne Kletterausrüstung.

Zum anderen erfordert der Bau einer solchen Wasserleitung besondere Kenntnisse in der Ingenieurwissenschaft. Es braucht ein tragfähiges Holzbauwerk im Fels und eine ausgeklügelte Planung, so darf das Gefälle nicht zu steil und nicht zu flach sein. Mindestens muss die Wasserleitung ein Gefälle von 0,5 Prozent haben, damit das Wasser fließt.

Man weiß, dass es eine ausgeprägte Arbeitsteilung gegeben hat. So haben die Frauen für die Abdichtung der Holzleitungen gesorgt. Die Montage vor Ort im Gebirgstal muss von den heute vergessenen Spezialisten ausgeführt worden sein, denen man besondere Fähigkeiten unterstellen muss.

Gerade die Suone von Torrent Neuf ist Zeugnis eines bedeutenden Kulturerbes. Sie führt uns eindrucksvoll vor Augen, welchen hohen auch technischen Entwicklungsstand Menschen schon lange vor Beginn des eigentlichen industriellen Zeitalters hatten.

Technisch ausgeklügelt ist dabei aber nicht nur die Führung im alpinen Gelände, sondern auch das komplexe Wasserverteilsystem.